Moaaz Kassem absolvierte 2009 das Fach Germanistik an der Fakultät für Sprachen und Übersetzung der Al-Azhar-Universität in Ägypten mit der Note „Sehr gut mit Auszeichnung“. Sein großer Wunsch war es, als Deutschlehrer in der Schweiz oder in Deutschland zu arbeiten. Er bewarb sich für ein Masterstipendium an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Bereich Germanistik und erfüllte sich so seinen Traum. Er reiste 2011 in die Schweiz, am Freitag, den 28. Januar – bekannt in Ägypten als „Tag der Wut“.
Da die Geschichte der deutschen Sprache und die deutsche Literatur eng miteinander verbunden sind, absolvierte der junge Ägypter ein einjähriges Vorbereitungsstudium an der ZHAW, um wissenschaftlich auf die Tätigkeit als zertifizierter Deutschlehrer vorbereitet zu werden. Neben der Beherrschung der deutschen Sprache war hierfür auch der Erwerb der pädagogischen Qualifikation erforderlich, nachdem die ZHAW seinen Abschluss der Al-Azhar-Universität anerkannt hatte.
Nach Erhalt der pädagogischen Qualifikation war es für Moaaz zunächst nicht einfach, sofort seinen Wunsch zu erfüllen. Er arbeitete in mehreren Positionen, die jedoch eng mit seinem Fachgebiet verbunden waren:
- Übersetzer in einer Rehabilitationsklinik (Tsil Schlacht, Kanton St. Gallen) für etwa zweieinhalb Jahre. Dort übersetzte er zwischen Patienten (meist aus arabischen Ländern) und deren Familien sowie dem Ärzteteam und den Pflegekräften, von Arabisch auf Deutsch und umgekehrt. Da die Behandlungskosten hoch waren, kamen die meisten Patienten aus dem Golfraum, vor allem aus Saudi-Arabien, darunter auch prominente Persönlichkeiten und Prinzen.
- Dolmetscher bei der Polizei des Kantons St. Gallen, wo er bei arabischsprachigen Befragungen übersetzte, sowohl Arabisch → Deutsch als auch Deutsch → Arabisch.
- Dolmetscher an Familiengerichten, sowohl im Kanton St. Gallen als auch in der Umgebung. Er vermittelte zwischen Richter und einer der Konfliktparteien, wenn ein arabischer Partner involviert war – arabisch-schweizerische oder arabisch-arabische Ehepartner.
In einem Interview mit swissinfo.ch sagte Moaaz:
„Während meiner Arbeit am Familiengericht als Dolmetscher fiel mir auf, dass die meisten Fälle Anträge auf Scheidung durch arabische Ehemänner oder Aufenthaltsentzug für Araber waren, deren Ehe mit einer Schweizerin weniger als drei Jahre bestand.“
Seit November 2014 arbeitet Moaaz als Deutschlehrer an der Migros Klubschule St. Gallen, etwa eine Stunde nordöstlich von Zürich.
Er berichtet:
„In den fünf Jahren als Deutschlehrer habe ich etwa 3000 Unterrichtsstunden gegeben und rund 1000 Migranten aus verschiedenen Ländern und Kontinenten unterrichtet, die meisten aus Nordosteuropa (Polen, Tschechien, Ungarn …). Unter den Lernenden waren auch Schweizer, deren Muttersprache Französisch ist.“
Er stellte fest, dass Araber, insbesondere Ägypter, im Allgemeinen am wenigsten Deutsch lernen, möglicherweise weil sie Englisch bevorzugen – die erste Fremdsprache während ihrer Schulausbildung in Ägypten – und auch wegen der hohen Kosten der Kurse (z. B. ein intensiver Monatskurs kostet 1000 CHF).
Eigenes Übersetzungsbüro
Vor zwei Jahren eröffnete Moaaz sein eigenes kleines Übersetzungsbüro in Goldach, zertifiziert für Übersetzungen Arabisch ↔ Deutsch. Dort übersetzt er offizielle Dokumente wie Führerscheine, Geburtsurkunden, Zeugnisse, Heiratsurkunden usw.
Die meisten Kunden sind syrische Asylsuchende in der Schweiz. Es gibt zwei Arten der Übersetzung:
- Standardübersetzungen (Dokumente, Urkunden …)
- Spezialisierte Übersetzungen (medizinisch, juristisch, technisch …)
Die Kosten variieren je nach Art: ein A4-Dokument (ca. 250 Wörter) kostet zwischen 80 und 130 CHF.
Vergleich von Lehrmethoden: Ägypten vs. Schweiz
Durch seine Erfahrung als Lehrer in der Schweiz kam Moaaz zu dem Schluss:
„Die Unterschiede sind deutlich zugunsten der Schweiz, insbesondere im öffentlichen Schulwesen. Es gibt jedoch private Schulen und Universitäten in Ägypten, wie die Deutsche Universität Kairo oder das Goethe-Institut, die qualitativ vergleichbar sind.“
Seine Masterarbeit an der ZHAW verglich das Deutschlernen in Ägypten (als Student an der Al-Azhar-Universität) mit seiner Lehrtätigkeit in der Schweiz.
Er betont:
„Lehrmethoden und -ansätze sind eine der wichtigsten Grundlagen für die Weiterentwicklung des Bildungssystems eines Landes. In Ägypten liegt der Fokus stark auf Auswendiglernen, in der Schweiz auf Verständnis, Spaß und praktisches Training.“
Sprache als Schlüssel zum Studium, Beruf und Integration
Moaaz empfiehlt jungen Ägyptern und Arabern, die in die Schweiz kommen möchten:
„Setzen Sie klare Ziele, konzentrieren Sie sich auf Ihr Ziel, lernen Sie die Sprache (Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch) gut – sie ist entscheidend für Studium, Arbeit und Integration. Informieren Sie sich über die Schweiz, die Menschen, ihre Bräuche und seien Sie auf Herausforderungen vorbereitet.“
Zukunftsperspektive und Rückkehr nach Ägypten
Auf die Frage, ob er jemals nach Ägypten zurückkehren möchte, antwortete er diplomatisch:
„Ägypten ist mein Heimatland, in dem ich aufgewachsen bin. Ich wünsche mir, dass es sich weiterentwickelt und würde gerne in Zukunft zur Verbesserung des Bildungswesens beitragen, insbesondere im Bereich Deutschunterricht, basierend auf den Erfahrungen, die ich in der Schweiz gesammelt habe.“